Der eiskalte Traum –
Mit einem Siberian Husky-Schlitten durch Lappland

Mit einem Siberian Husky-Schlitten durch Lappland zu fahren, war für mich zeitlebens ein Wunsch, bei dem ich mir sicher war, dass er mich körperlich und mental überfordern würde. Umso schöner, dass mein Freund Tom, selbst Blogger & Gast-Autor auf Schwesternwerk, diese Reise verwirklichte und wundervolle Bilder und Eindrücke mitbrachte – die mir auch verdeutlichen, dass meine Bedenken, dieses Abenteuer selbst zu erleben, nicht unbegründet waren. Viel Freude beim Lesen & verlieben in die Huskies …

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Stormer und Frost, die zwei Wheeldogs.

Stormer und Frost, die zwei Wheeldogs.

Mittagssonne im hohen Norden.

Mittagssonne im hohen Norden.

Suspect und Custer relaxen in den Pausen.

Suspect und Custer relaxen in den Pausen.

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Frost’s blaue Augen ziehen mich in seinen Bann. Er ist ein so außergewöhnliches Tier; wie auch Stormer, sein braunäugiger Bruder und all die anderen Hund, die uns hier oben mit freudigem Bewegungsdrang auf unseren Schlitten durch eine der Hochebenen Lapplands ziehen.

Uns, das sind zwei meiner Freunde, Lars und Harald, ich, zwei Holländer und Dante, unser junger, sympathischer Guide. Es hat minus 8 Grad und der permanent leichte Aufstieg verlangt auch von uns körperlichen Einsatz. Mit einem Bein, abwechselnd, schieben auch wir den Schlitten mit an. Mir ist warm.

Die Hunde legen sich ins Geschirr und es ist unglaublich, mit welchem Vorwärtsdrang sie uns seit unserem Aufbruch am Morgen vor gut zwei Stunden vorwärts bringen. 45 Kilo zieht jeder meiner vier Hunde. Vorneweg die Kleineren; der triebige Leithund „Custer“ und der treue „Suspect“ an seiner Seite, dahinter die zwei stämmigen Sibirian Huskies „Frost“ und „Stormer“ mit ihren kräftigen Schultern und großen Pfoten. 
Oft sinke ich beim Schieben dort ein, wo die Vier noch gut auf dem Firn laufen können. Es ist eine helle Freude, dem Vierer-Gespann zuzusehen, sie zu unterstützen, gemeinsam das Gelände zu durchqueren.

Die Sonne glänzt silbern hinter der dünnen, tiefliegenden Wolkendecke, die alles um uns herum in ein bläuliches Grau tüncht. Wir sind gerade über die Baumgrenze aufgestiegen und für mich sieht es jetzt hier wie in der Antarktis aus. Ein unendliches Schneemeer, leicht ansteigende Hügel flankiert von schroffen Gebirgszügen, über deren Scharten der Wind den Schnee ins Tal bläst.

Allein die in Sichtnähe regelmäßig aneinendergereihten, roten X-e, die Schlechtwetter-Markierung für Skitourengänger und Hundeschlitten-Gespanne, weisen auf eine angelegte Route hin: Dem Kungsleden, dem Königspfad, wie diese beliebte Strecke hier genannt wird. 
Aber wir haben Glück, sind in einer Neben-Saison unterwegs und so stoßen wir heute, wie auch in den folgenden Tagen kaum auf andere Menschen.

Tom Freiwah

Der Fotograf, Grafikdesigner & sich selbst als “Pedal Maniac” bezeichnende Freigeist liebt nicht nur das Abenteuer (mit Hund) – seit vielen Jahren gehört sein Herz auch der Haltung seiner Pferde

Lest hier auf meinem Blog Schwesternwerk auch den Beitrag über seinen  Jakobsweg nach Santjago de Compostela.

Fotos: © Tom Freiwah

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Glück haben wir auch, dass wir trotz des weichen Neuschnees oft entlang einer Motorschlitten-Spur ziehen können, die die Tagesetappen-Camps verbindet. Ranger versorgen die Camps mit Brennholz und anderen nötigen Materialien. Das macht es auch für die Hunde etwas leichter, die noch zu Anfang mit vollem Proviant schwer beladenen Schlitten voranzubringen.
Während es für die Hunde das selbstverständlichste der Welt ist, sich hier zu bewegen, merke ich, welche Gefühle und Gedanken allmählich in mir aufsteigen; kein Handyempfang jetzt und die nächsten Tage, zu erwartende Tagestemperaturen im zweistelligen Minusbereich, Schneetiefen von durchschnittlich zwei Metern unter mir und die nun folgenden 200km durch mir unbekanntes Gelände …

Ein Abenteuer? 

Ja, zwar ein kalkulierbares und nicht wirklich gefährlich, aber in dieser Kombination meinem Gefühl nach wieder einmal etwas völlig Neues, Unbekanntes, Aufregendes… ein richtiges Abenteuer!

Wir machen in einer Senke eine kurze Rast. Der Schnee-Anker ist in den Boden gestampft, der Schlitten liegt auf der Seite; sonst würde so manches Gespann aufgrund der Ungeduld der Hunde ohne seinen menschlichen Passagier weiterziehen. Die sind nicht zu bremsen, die vierbeinigen Jungs und Mädels.
Meine Leithunde hingegen sind erfahrene Guides, legen sich bei jedem Halt sofort in den Schnee und dösen während Frost und Stormer auf der Stelle treten und es nicht für nötig empfinden, sich etwas zu erholen. Ich graule sie, kuschle ihr Fell und quatsche ihnen liebevoll die Ohren voll. Sie drücken sich an mich, nutzen jede Chance auf Wärme und Zuneigung. 
Keiner der Hunde droht zu schnappen oder wendet sich ab. Von Anfang an schloss ich meine „Bande“, wie jeder Andere von uns auch, sein „Team“, sofort ins Herz. Was auch nicht schwer fällt bei deren Schönheit, ihrer Zutraulichkeit und ihren faszinierenden Augen. 
Sofort war mir klar: Du hast jetzt die Verantwortung für sie, bist dafür zuständig, dass es ihnen gut geht und dass Sie diese Tour unbeschadet und ohne Verletzungen überstehen! 

Das allein ist schon ein tolles Gefühl und diese Aufgabe eine Ehre für mich – denn schließlich begleiten und ermöglichen sie mir, diesen Traum wahr werden zu lassen.
Mein Team… wow ;0)

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In früher Dämmerung erreichen wir das erste Camp. Ein Wirtschafter lebt dort, hält die Schlüssel parat und bei ihm kann man im Notfall auch wichtiges erwerben … wie die vergessene Zahnpasta oder das Dosenbier für den späteren Saunagang.
Aber zuerst heißt es die Hunde einzeln auszuspannen und an eine lange Kette anzuleinen, mit der Axt gefrorene Fleischwurst in 26 gleiche Stücke zu zerteilen und als Snack schon mal an die Hunde zu verfüttern. 

Während die einen von uns sich zur nahegelegenen Wasserstelle aufmachen und das Eis aufhacken, um mehrere befüllte Kanister davon zum Lager zurückzuziehen, beginnen Andere, Feuerholz zu hacken. Mit dem Feuerholz wird der Ofen in der Blockhütte angeschürt und Wasser aufgesetzt.
Heißes Wasser ist oberste Priorität und Anfang eines jeden Camp-Aufenthaltes. Große Fleichblöcke werden zerhackt und mit kochendem Wasser übergossen, zum abendlichen und morgentlichen Futter der Hunde.

Die Sauna in der nahe gelegenen Nebenhütte wird eingeschürt und Wasser zum Aufgießen und Duschen abgefüllt und schließlich auch der langersehnte Kaffee oder Tee aufgebrüht.

Dann, wenn das Feuer brennt, das Wasser kocht und nachdem die Hunde gefüttert sind, kehrt allmählich Ruhe ein und es zieht schon bald der Duft eines köstlichen Abendessens durch den urigen, mit Kerzen sperrlich beleuchteten Raum; denn Dante, unser Guide ist ein wahrhaft großartiger Koch und lässt sich nicht lumpen, was unsere Verpflegung anging.

Wir richten unser Lager in den Stockbetten her, gehen vor die Tür und bewundern den Sternenhimmel, diese absolute Stille und halten Ausschau nach dem Phänomen, dass ein Jeder hier so sehnlichst hofft zu sehen … den grünen Schimmer des Polarlichtes. Doch leider vergebens.
Aber es gibt nichts, was die Stimmung am Ende eines solchen Tages trüben könnte. Im Gegenteil; zu später Stund machen wir drei Freunde uns auf in die Sauna.
Bier, gute Gespräche, Aufgüsse und ab und an nackt und dampfend hinaus in die absolute Kälte – und dann wieder rein zur nächsten Runde. Traumhaft.

Die ersten Sonnenstrahlen wecken auch die ersten Gedanken in uns … die Hunde!

Wieder schnell eingeschürt und Wasser für das Futter sowie den morgendlichen Tee oder Kaffee aufgesetzt. Es folgt die erste Streichel-Runde mit den flauschigen Kumpanen. 
Ein jeder von Ihnen hat sich über Nacht eine Kuhle in den Schnee gedrückt, in der sie bis zu den morgendlichen Sonnenstrahlen ausharrten.

 

Das Thermometer zeigt Minus 15 Grad.

Nach dem Frühstück, dem Säubern der Hütte und dem Verstauen des Gepäcks in den Schlitten spannen wir die Hunde wieder in ihr Geschirr. 
Voller Tatendrang und Vorfreude jaulen und bellen sie schon wieder ungeduldig, bis die Bremsen gelöst und sich die Schlitten wieder in Fahrt setzen – dann schlagartige Ruhe – nur das Hächeln der Hunde und das Knarzen des tiefgefrorenen Schnees unter den Kuven. 
Noch werfen die morgendlichen Sonnenstrahlen ein warmes, oranges Licht auf die Schneefelder.

Die Natur ist hier so intensiv, die Luft so frisch und das „Sein“ mit den Hunden so lebendig. Ich genieße die Ruhe, den Rhytmus der Pfoten, die Wärme unter den vielen Schichten der Kleidung in dieser unwirklichen Landschaft.

So einfach – so schön!

Allmählich kristallisieren sich die einzelnen Charakter- und Wesenszüge der verschiedenen Hunde heraus. Ein jeder ist auf seine Art besonders. Gemüt, Verhalten, Rang, Fell, Blicke … was für faszinierende Wesen, wenn man bedenkt, was sie im Vergleich eines „Wohlstandshundes“ zu fressen bekommen, täglich leisten, unter welchen Bedingungen sie die Nächte und Tage verbringen und in den Gespannen trotzdem 12- und 13-Jährig eingebunden sind. 

Die morgendlichen und abendlichen Rituale wiederholen sich in den nächsten Tagen. In den Stunden, in denen wir unterwegs sind, zieht die Sonne ihre niedrige Bahn entlang des Horizontes. Verzaubert von der Landschaft genießen wir jedem Augenblick auf’s Neue.

An jedem der folgenden Tage ist die Begeisterung grenzenlos. 

Langsam nur verändern sich die Konturen der schneebedeckten Flanken, während wir stundenlang in Schweigen gehüllt, nur unseren Hunden und den Winden lauschend, durch die Täler streifen. Leider bekommen wir weder Rentiere, noch Elche zu Gesicht und auch das sagenumwobene Polarlicht bleibt uns in den Nächten verborgen.

Am fünften Tag, nachdem uns eine langezogene Passage abwärts aus den Hochebenen wieder in niedrige Gefielde führt, erreichen wir viel zu schnell unser letztes Camp. 

Die PickUps mit den Anhängern für die Hunde und die Schlitten warten schon und uns wird klar, dass dieses Abenteuer jetzt zu Ende ist. Wohlbehalten, überwältigt von dem Erlebten, fasziniert von den Eindrücken und verliebt in die Hunde, die uns so viele Kilometer durch diese Hochebene Nordschwedens begleitet haben – den atemberaubenden Kungsleden.

Tom Freiwah

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