Gast-Post Jörg Preuss

Meine Lieben, ich hatte Euch in dem Beitrag „Halte Dich an das Schöne“ vor Kurzem schon den Fotografen und Physiotherapeuten Jörg Preuss vorgestellt.

Wie ich Euch schon erzählte, bekomme ich durch ihn im Gespräch oft sehr schöne Denkanstöße; und da ich seine Gedankenwelt sehr mag, möchte ich ihm hier in meinem Blog die Gelegenheit geben, diese mit uns zu teilen. Dies ist ja, unter anderem, ein Blog zum Thema „Achtsamkeit“ und ich freue mich, dass er uns zukünftig einige Anregungen mit auf den Weg geben möchte. 

Wenn Ihr den Aufmacher „Liebe Planetarier“ künftig seht, habe ich wieder einen Text von Jörg Preuss darunter eingestellt. Viel Spaß beim Lesen und Nachdenken!

(Kleiner Tipp von mir: Selbst wenn Ihr zu Anfang vielleicht denkt, das ist nicht Euer Thema, lest es bis zu Ende, es lohnt sich – das Beste kommt bekanntlich am Schluß!)

Buddha

HIGH-TECH,
LIEBE PLANETARIER,

und die universelle Kostbarkeit Software wirken sich aus. Die Wertvorstellungen verlegen sich zunehmend ins Scheinbare und Stofflose. Das eigentliche Erzeugnis der Hochtechnologie ist praktische Philosophie. Lebensart. Praktische Lebensart.

Der Computer schluckt Ding um Ding – Telefone, Uhren, Fotoapparat, Staffelei, Musikinstrumente, Autos, Flugzeuge etc. Wir geben uns mit ihrem Anschein zufrieden, mit der Simulation. In Ihren Flüchtigkeiten übertrifft sie die guten alten echten Dinge, die wir noch kennen – nachfolgende Generationen wohl nur noch von Wikipedia. Mit einer Wii-Playstation, einem Cyberspace-Equipment, macht sich nicht nur eine Techno-Avantgarde daran, die Welt mit Außerirdischen zu bekämpfen. NEIN, es ist für die ganze Familie etwas dabei: mit Yoga, Fußball, Boxen oder Autorennen, ganz egal, auch mit LEGO Batman ist es gegeben, den Planeten zu retten. Oder zu zerstören.

Für Senioren sind Urlaube von Interesse, die im Leben verpasst wurden. Sie können nun sicher und sogar Ressourcen-schonend sehr real erlebt werden.

Neulich bin ich mit meiner Frau Diana nach Bad Birnbach gefahren. Kleiner Urlaub, kleines Auto. Es war Freitag morgen, und der Kaffee im Mc Drive machte mir deutlich, wie sich meine Auffassung von Luxus in den letzten Jahren verändert hat. Diesel-Kat statt Alfa Romeo Spider, das fleckige braun-grün von Niederbayern statt dem weißen Sandstrand der Malediven und Landstraßen langfahren, statt mit Jetlag irgendwo anzukommen. Bloß um festzustellen, dass man die gleichen Leute trifft.

Dem computergestützten Schwund steht eine moderne Form von Verzicht als aktive Lebenshaltung entgegen. Wie viele meiner Freunde habe auch ich angefangen, mit bestimmten Dingen aufzuhören. Macht Laune.

NATUR IST UNHEIMLICH GUT GEMACHT

Wenn ich mit Diana am Wochenende einen großen Spaziergang mache – ich könnte durchaus auch einen kleinen Spaziergang machen (um mich in der Kunst des Verzichts zu üben) und dabei auf den Tegernsee blicke, verstehe ich, dass Tucholsky so treffend notiert hat:

Das Meer liegt da und sieht aus.

An der Seepromenade dann gleich ins Cafe, einen Espresso und ein Spagettieis bestellt. Ein Vater, der sich von zwei Kleinkindern tyrannisieren lässt, steuert auch den italienischen Eiskiosk an. Ich fand, dass es ihm an Distinguiertheit fehlt, was die Kinderterroristen instinktiv spürten. Und wir stimmten darin überein, dass nobel zu sein immer noch erstrebenswerter ist und demgemäß auch bei Menschen sine nobilitate, Snobs also, funktionieren müsste.

Zu den Pionieren des modernen Snobismus gehören, beispielsweise, die Hacker. Junge Männer, die oft nur ein paar Fahrradminuten voneinander entfernt wohnen und von ihren aufgerüsteten Macbooks aus Outdials knacken, um sich zu Plauderrunden in Großrechnern am anderen Ende der Welt zusammenzuschalten. Sie gehören einer Gilde an, wie einst die Tafelrunde um König Arthus.

Einer dieser ritterlichen Helden für mich ist Moritz, 24 Jahre jung. Außerhalb des Netzes kämpft er dafür, dass im Wandel von Digitalisierung und Bluray-HD-Formaten ein altes Kino nicht stirbt. Nobel, aber einsam. Wir unterstützen ihn moralisch dabei, weil wir es uns finanziell leisten können.

Wie edel im Gemüt wir sind, das wusste schon Shakespeare, hängt davon ab, wie satt oder wie sicher wir sind. Könnten wir dann nicht nach Höherem streben? Haben oder nicht haben heißt nicht mehr Sein oder Nichtsein! Man muss kein Mahatma Gandhi sein, um sich in einer Überflussgesellschaft im Verzicht zu üben. Verzicht erzeugt ein aktives Verständnis für Menschen, die nicht verzichten können, sondern müssen. Freiwilligkeit ist also eine soziale Form von Nichtstun. Politik für Faule. So erleben wir Zeitgeschehen hinter Glas abgeschirmt und gut verpackt.

Eine moderne Jeunesse dorée scheint im Wachsen begriffen, zu deren vornehmlichen Bestrebungen es gehört, die richtigen Dinge ausfindig zu machen, die man bleiben lassen kann. In den westlichen Industrienationen entsteht vielleicht eine neue Bedeutung von Nichts, die nicht Mangel meint, sondern Lebensqualität.

Ich selbst besitze einen kleinen ZEN Meister, inkarniert in Gestalt eines Bonsais. Er hat einen Platz auf dem Fensterbrett – das ist sein einziger Tribut an die Welt und er wächst vor sich hin.

Er überlässt es mir, für seine Form und Größe zu sorgen. Ich weiß, dass ich schon sein dritter Schüler bin. In dieser Tradition seines Bonsaimeisterlichen Lebens von 63 Jahren wird auch meine Frau unterrichtet.

Der Bonsai ist pures Leben, in einer konzentrierten Form. Seine Äste streben nach Außen und die Wurzeln bleiben fest verankert in der Schale. Die Blätter, jetzt fest und grün, werden im Herbst gelb und braun, zeigen mir Gleichmut und Vergänglichkeit. Wir benötigen keinen Wald, um Natur zu begreifen. Ein Baum ist alles.

Der Bonsai hat mich bereits schon viel Gutes gelehrt, vielleicht kann er auch meiner Familie Frieden in der Welt lehren, dafür würde ich mich gerne erkenntlich zeigen. Aber es gibt nichts, das er möchte.

Das Leben in seiner Fülle ist undurchsichtig, lehrt er. Nur der Moment und die Zuwendung sind wahr. So kann ich ihm nur Wasser geben und liebevoll auf ihn blicken.

Manche Dinge, auf die ich blicke, machen mich traurig, liebe Planetarier, wenn ich die Schönheit in der Natur fühle. Der Baum ist da und lebt einfach. Keiner kann mehr.

Einzig allein der Gedanke, in einer Schale zu sitzen und mich ausschließlich von Wasser und Licht zu ernähren, hält mich davon ab, mein Leben völlig zu ändern und ein Bonsai zu werden.

So bleibe ich vorerst zurück im Durcheinander der Dinge, im Schwirren der Verhältnisse und versuche, mich ein Stück näher an die Weisheit heranzuverzichten.

Jörg Preuss

2 Kommentare zu “Gast-Post Jörg Preuss

  1. Es ist wie immer eine große Freude mit Jörg Preuss zu reden oder von ihm zu lesen! Danke für diesen schönen Beitrag, der so wunderbar zum Nachdenken anregt! Ich hoffe, es folgen noch viele weitere!

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